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Pilz des Monats August 2018 - Frühlings-Stockschwämmchen (Kuehneromyces lignicola – auch Glattstieliges Stockschwämmchen, Kuehneromyces myriadophylla, K. vernalis und Pholiota lignicola)

Diesen Pilz fanden wir (bzw. war es eigentlich Katharina) anlässlich unserer jüngsten Exkursionsfahrt nach Skandinavien – und zwar am nördlichsten Punkt unserer Reise, im schwedischen Bjurälven (Jämtland, nahe der norwegischen Grenze). Als mir Katharina die an einem Fichtenstumpf der Finalphase wachsenden, frischen und voll durchfeuchteten Pilze zeigte, war ich mir über die Gattung zunächst ganz im Unklaren – am Ehesten dachte ich an einen Gymnopilus oder eine Galerina-Art (Flämmling oder Häubling). Dabei handelt es sich um eine Art, die schon länger auf meiner „Wunschliste“ steht, kommt sie doch auch in Deutschland vor und wurde so auch von meinen Kollegen bei wissenschaftlichen Projekten im Bayerischen Wald dort schon gefunden, so z.B. von Andreas Gminder. Für mich also ein Lebens-Erstfund! (für Katharina auch 😊.

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Frühlings-Stockschwämmchen (Kuehneromyces lignicola) - alias Glattstieliges Stockschwämmchen (auch Pholiota lignicola, Kuehneromyces vermalis, K. myriadophylla) - gefunden von Katharina Krieglsteiner am 5.7.2018 bei Bjurälven (Jämtland, Schweden) an einem Fichtenstumpf der Finalphase in subarktischem Fichten-Mischwald. Foto Lothar Krieglsteiner

Nun – unter dem Mikroskop war schnell klar, dass es sich nicht um einen Flämmling oder Häubling handeln konnte, denn die Sporen sind vollkommen glatt und besitzen einen kräftigen, durchaus auffälligen Keimporus. Nur wenig Recherche war nötig, um den Fund zuzuordnen – alles passte hervorragend (vielleicht bis auf die Tatsache, dass die Zystiden bei unserem Fund nur wenige knorrige Formen zeigten, wie sie sonst häufiger angegeben werden – ansonsten passt auch hier die Form und Größe gut).

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Cheilozystiden (Zystiden der Lamellenschneide) beim Frühlings-Stockschwämmchen (Kuehneromyces lignicola) - knorrige Formen, wie oft in der Literatur gezeigt, waren bei unserem Fund selten (dies gibt jedoch auch Moser 1994 so an). Ansonsten passt die flaschenförmige Ausprägung mit angeschwollenen Enden gut. Fund bei Bjurälven (Schweden, Jämtland) an Fichtenstumpf, leg. Katharina Krieglsteiner am 5.7.2018, Mikrofoto Lothar Krieglsteiner
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 Sporen von Kuehneromyces lignicola (Frühlings-Stockschwämmchen) mit deutlichem, großem Keimporus. Fund bei Bjurälven (Schweden, Jämtland) an Fichtenstumpf, leg. Katharina Krieglsteiner am 5.7.2018, Mikrofoto Lothar Krieglsteiner

 Makroskopisch zeichnet sich der Pilz durch ein flüchtiges Velum (kaum Ring zu nennen – siehe das Detailbild), einen nicht schuppigen Stiel sowie durch deutlich hygrophane Hüte (wie beim Gift-Häubling feucht ganz dunkel und bald vollkommen verblassend – siehe Studio-Foto) aus. Ansonsten fand ich von allen mir bekannten Pilzen die größte makroskopische Ähnlichkeit zum Dunkelbraunen Flämmling (Gymnopilus picreus) – außer, dass unserem Pilz die gelben Färbungen speziell in den Lamellen vollkommen abgingen.

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 Frühlings-Stockschwämmchen (Kuehneromyces lignicola) - alias Glattstieliges Stockschwämmchen (auch Pholiota lignicola, Kuehneromyces vermalis, K. myriadophylla) - gefunden von Katharina Krieglsteiner am 5.7.2018 bei Bjurälven (Jämtland, Schweden) an einem Fichtenstumpf der Finalphase in subarktischem Fichten-Mischwald. Das Detail-Foto von Lothar Krieglsteiner zeigt  v.a. beim linken Fruchtkörper im Büschel rechts die Andeutung einer Ringzone, die aber bei älteren Fruchtkörpern vollkommen verschwunden ist. Die Stiele sind nicht glatt, aber auf keinen Fall schuppig wie beim "normalen" Stockschwämmchen, sondern in etwa ähnlich beim Gifthäubling längs hell überfasert.
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 Frühlings-Stockschwämmchen (Kuehneromyces lignicola) - alias Glattstieliges Stockschwämmchen (auch Pholiota lignicola, Kuehneromyces vermalis, K. myriadophylla) - gefunden von Katharina Krieglsteiner am 5.7.2018 bei Bjurälven (Jämtland, Schweden) an einem Fichtenstumpf der Finalphase in subarktischem Fichten-Mischwald. Das Studio-Foto von Lothar Krieglsteiner zeigt die ringförmige Hygrophaneität. Durchfeuchtete Pilze sind ganz braun, abgetrocknete bald komplett hell - wie beim Gifthäubling und nicht wie beim "normalen" Stockschwämmchen, welches abgesehen von ganz jungen Pilzen eigentlich stets zweifarbig ist (also kaum je ganz durchfeuchtet oder ganz ausgetrocknet angetroffen wird). 

 

Nun warten wir darauf, den hübschen Pilz auch einmal in Deutschland zu finden. Die Verbreitung dürfte dabei hochmontan-subalpin-alpin sein (sie steigt in den Alpen bis über 2000 m NN auf) – und subarktisch. Auch Moser (1994 – in Österreichische Zeitschrift für Pilzkunde) fand die Art wiederholt in den Alpen, aber auch in Skandinavien.

Noch nicht völlig geklärt ist die Gattungszugehörigkeit des Pilzes, der (wie auch das normale Stockschwämmchen K. mutabilis) von typischen Arten der Gattung Pholiota u.a. durch hygrophane Hüte, aber auch durch die Sporen mit deutlichem Keimporus und das Fehlen von Chrysozystiden (Zystiden mit in Laugen gelbem Inhalt) abweicht. Im Index of Fungi sind beide Stockschwämmchen unter Pholiota (Schüpplinge) geführt, eine Groß-Gattung, die in mehrere Gattungen aufgespalten wurde und wird. Auf die Schnelle habe ich keine molekulare Untersuchung gefunden, die beide Stockschwämmchen-Arten in einen größeren phylogenetischen Zusammenhang stellt. Moser (s.o.) kommt jedenfalls wie etliche andere Autoren aufgrund der morphologischen Merkmale zum Schluss, dass Frühlings-Stockschwämmchen und „normales“ Stockschwämmchen nahe miteinander verwandt sind und in eine eigene Gattung Kuehneromyces gestellt werden sollten (in die – am Rande vermerkt- das Chinesische Stockschwämmchen Pholiota nameko nicht gehört; dies sind die unsäglichen schleimig-glibberigen Konserven, die uns als Stockschwämmchen verkauft werden). Womit wir zur Frage kommen, ob wir einen essbaren oder einen giftigen Pilz gefunden haben. Nun – offensichtlich ist dies noch ungeklärt, aber zumindest dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass K. lignicola Knollenblätterpilz-Gifte enhalten könnte (wie der durchaus ähnliche Gift-Häubling Galerina marginata), eher als gering einzustufen sein. Wir haben uns trotzdem nicht getraut, den Pilz zu essen *g*. Dafür fanden wir das Material auch zu schade – wir haben einen Beleg angefertigt, den wir bei Bedarf jederzeit noch einmal nachuntersuchen können.

 

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