Pilz des Monats März 2017 – Großer Dunkel-Trichterling* (Musumecia bettlachensis)

*: deutscher Name selbst erfunden :-) - der lateinische Name bezieht sich zu Ehren des Schweizer Mykologen Enzo Musumeci - der Artname auf den Typus-Fundort Bettlach im Elsaß (Frankreich). Wie ich solche Namen mag ....

Es kommt nicht so häufig vor, dass man als Leiter von Pilzkursen auf einer Pilzexkursion Pilze findet, von denen man überhaupt keine Vorstellung hat, wie man sie bestimmen soll – noch nicht einmal eine wirklich zündende Idee zur Gattung hat. Und das noch in einem Wald, den man seit fast 50 Jahren kennt (dort war ich schon als kleiner Steppke mit meinem Vater zum Pilze-Suchen und seither fast jedes Jahr mehrmals) und das auch noch zu einem Zeitpunkt, wo sonst fast keine Pilze wachsen – wie am 23. August 2016. Die Teilnehmer des damaligen Pilzkurses waren auch alle etwas erstaunt, mit was für einem langen Gesicht ich die gefundenen Pilze kommentierte.

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Großer Dunkel-Trichterling (Musumecia bettlachensis) - 23.8.2016, leg. Pilzkurs mit Lothar Krieglsteiner, det. Katharin Krieglsteiner (via DNA-Sequenzierung), Deutschland, Baden-Württemberg, Schwäbischer Wald ö. Stuttgart, "Spitzhalde"bei Tanau (n. Schwäbisch Gmünd, MTB 7124/1). 4 Frk. zwischen Torfmoos (Sphagnum spec.) in örtlich saurem Fichten-Tannen-Buchen-Mischwald. Fotos Lothar Krieglsteiner

Und was außerdem (noch) nicht so alltäglich ist: die jetzt gelungene Bestimmung des ungewöhnlichen Pilzes verdanke ich meiner Ehefrau Katharina Krieglsteiner, die ja inzwischen ebenfalls Pilzkurse gibt, aber sicher noch nicht ganz meine Artenkenntnis quer über das Pilzreich besitzt :-).

 Wie ist das möglich? Nun – die Geschichte geht so: meine Frau macht schon seit einiger Zeit die universitäre Ausbildung der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zum „Fachberater Mykologie“, zu der auch Pilzschule Schwäbischer Wald ein Modul, nämlich „Artenkenntnis und Ökologie“, beisteuert. Das Modul, das meine Frau letzte Woche mit großem Einsatz besucht hat, heißt „Molekulare Bestimmung von Pilzen“ und befasste sich mit DNA-Sequenzierung. Für diesen Kurs wurde im Vorfeld angeboten, dass die Teilnehmer ca. zehn eigene Proben mitnehmen können – und dies haben meine Frau und ich (besser: ich) dann ausgenutzt.

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Alignment Probe 2 ist Musumecia bettlachensis vom "Tanauer Wald" - Alignment von Katharina Krieglsteiner

Eine Probe der gefundenen Art wurde also (in etlichen mühsamen und filigranen Schritten) sequenziert und mit in entsprechenden Datenbanken abgelegten Sequenzen (Blast, Gen-Bank) verglichen – mit einem doch überraschenden Ergebnis.

Die Gattung Musumecia, die inzwischen 4 Arten enthält (über eine weitere gleich unten mehr!) wurde erst vor wenigen Jahren beschrieben, mit der Typusart Musumecia bettlachensis. Laut DNA-Vergleich in der Erstbeschreibung (im Internet z.B. hier zu finden: https://www.researchgate.net/publication/264484145_Musumecia_gen_nov_in_the_Tricholomatoid_clade_Basidiomycota_Agaricales_related_to_Pseudoclitocybe/figures?lo=1) steht die aus Frankreich beschriebene neue Art am nächsten an den Gabeltrichterlingen (Pseudoclitocybe), die ja auch bei uns häufig vorkommen.

Bei meinen Bestimmungsversuchen hatte ich mich nicht auf eine Gattung festlegen können. Die nicht (oder kaum) siderophilen Basidien (dunkle Körnchen in den Ständern nach Anfärben mit Eisenbeize und dann Karminessigsäure) ließen einen Rasling (Lyophyllum) außen vor, an den man hätte denken können wegen der doch recht stattlichen Fruchtkörper mit der Tendenz, dunkel bis schwärzlich zu verfärben. Auch ein Rötelritterling (Lepista spec.) war eine Vermutung, allerdings sind die Sporen glatt und nicht warzig und nicht cyanophil (blau anfärbende Wand in Baumwollblau); auch ein großer Teil der Trichterlinge passt dadurch nicht. Weitere Mikromerkmale sind unauffällig – z.B. keine Zystiden und keine Schnallen an den Querwänden.

Vergleicht man die bei der Erstbeschreibung gezeigten Fotos, dann fällt es auch nicht ganz leicht, sofort die Identität anzunehmen. Die Fotos zeigen einen Pilz mit blasser weißlicheren Farben und mit stärker herablaufenden Lamellen. Die DNA-Übereinstimmung ist jedoch so gut, dass kaum ein Zweifel an der richtigen Bestimmung gegeben sein kann.

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Musumecia bettlachensis ("Großer Dunkel-Trichterling") vom 13.8.2016 im Tanauer Wald - Studio-Fotos der gesammelten Fruchtkörper (Lothar Krieglsteiner)

Liest man aber den Text genau durch, dann bleiben doch etliche Gemeinsamkeiten. Zum einen wird die Tendenz, dunkel zu verfärben, durchaus erwähnt – und vermutlich sind meine Pilze etwas älter als die in der Erstbeschreibung. Zum anderen werden Merkmale wie die für einen Trichterlings-Verwandten sehr dicklichen Lamellen (die fast an einen Schneckling erinnern) oder das Vorhandensein eines „Pseudosklerotiums“ erwähnt. Als solches vesteht man ein „sklerotium-ähnliches Gebilde aus Substat-Teilen (Erde, Holz) und diese verkittende und umhüllende, dichte Pilzhyphen“ (http://www.mykopedia.org/glossar/p). In der Tat fiel mir auf, dass die Fruchtkörper bei der Entnahme in einger Gruppe zusammenhängend und fast lose im Moos steckten und hinterher eine Art Loch im die Pilze umgebenden Torfmoos-Rasen zu sehen war. Das Pseudosklerotium war zu diesem Zeitpunkt wohl bereits aufgebraucht.

Sicherlich muss dieser Pilz noch öfter gefunden werden, um mehr über ihn zu lernen – und über seine Verwandtschaft.

 

Meine Frau konnte nämlich noch einen weiteren Problemfall klären – und auch er ist eine der inzwischen 4 beschriebenen Musumecia-Arten! Im Gegensatz zur eben vorgestellten Probe handelt es sich aber um einen viel kleineren Pilz, der kaum 2 cm Hut-Durchmesser überschreitet. Ich habe ihn schon öfter gefunden und als Trichterling angesprochen – allerdings mit der Einschränkung, dass die Art stets auf nackter Erde an Böschungen zu finden ist und nie wie ein typischer Trichterling, ein typischer Saprobiont, Laub- und Nadelstreu oder Grasreste, Substrat, mit den Myzelfäden an seiner Stielbasis zusammenballt. Insofern ein besonderer Trichterling. Ich habe bisher keine vernünftige Bestimmung gehabt, aber am ehesten „gefiel“ mir die Beschreibung von Clitocybe parilis in Bon (1997: Flore Mycologique d`Europe 4. Les Clitocybe, Omphales, et ressemblants. Documents Mycologiques Memoire hors Serie 4) – und so habe ich den Pilz immer mit Fragezeichen so benannt, z.B. in meiner Rhön-Arbeit (L. Krieglsteiner 2004: Pilze im Naturraum Rhön und ihre Einbindung in die Vegetation, Regensburger Mykologische Schriften 12, S. 220), wo ich über einen Fund in der bayerischen Rhön sowie mehrere aus der Umgebung von Bad Laasphe (Grenzgebiet von Nordrhein-Westfalen und Hessen) berichte. Inzwischen fand ich die Art an weiteren Stellen in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg – und zwei Proben wurden nun von meiner Frau sequenziert. Ergebnis: Musumecia vermicularis. Die Art wurde inzwischen auch von anderer Seite in Deutschland nachgewiesen, und zwar von Matthias Dondl – siehe hier: http://www.pilzepilze.de/cgi-bin/webbbs/pconfig.pl?noframes;read=247556

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Kleiner Dunkel-Trichterling (Musumecia vermicularis) - Deutschland, Baden-Württemberg, Hornberg im Schwarzwald, "Offenbachtal", an Böschung über Gneis in Fichten-Tannen-Buchen-Mischwald, gesellig, leg. Lothar Krieglsteiner (det. als Clitocybe parilis ss. Bon), det. (rev.). Katharina Krieglsteiner (via DNA-Sequenzierung), Foto Lothar Krieglsteiner

Wie man sieht – die Pilze sind bei uns noch längst nicht über-erforscht. Und: die DNA-Sequenzierung ist eine tolle Hilfe, um unklare Proben zu klären! Wir werden versuchen, hier häufiger Zugang zu bekommen und eventuell selbst irgendwann solche Untersuchungen eigenständig durchführen zu lernen.

 

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