Robert Hofrichter (2018): Pilze – faszinierende Wesen im Verborgenen. Kosmos-Verlag.

Das 240 Seiten dicke Büchlein wurde mir vom Verlag zugesandt – mit der Bitte um eine Besprechung auf meiner Website. Dem möchte ich heute nachkommen. Im Text werden 30 verschiedene Arten oder Artengruppen von Pilzen vorgestellt – mithilfe einer in den meisten Fällen gut gelungenen Farbzeichnung sowie mehreren Seiten Text, in dem weniger die speziellen Merkmale der jeweiligen Pilze, sondern eher Wissenswertes, Besonderheiten des Pilzes, mit der er unserer Lebenswelt berührt oder uns anderweitig als etwas Besonderes auffällt, im Mittelpunkt stehen. Der Autor versucht, in relativ einfacher Sprache (wo dies möglich ist), aber auch nicht ohne Verwendung komplexerer Fachbegriffe, dem wenig vorgebildeten Leser die jeweiligen Pilze und ihre Anpassungen nahezubringen. Dies gelingt teilweise sehr gut und auf unterhaltsame Weise – teilweise geben aber sprachliche und fachliche Unschärfen Anlass zu schwerer Verständlichkeit (s.u.). Bei der Auswahl der Pilze hat Robert Hofrichter sich nicht auf Pilze beschränkt, die der prototypischen Vorstellung der meisten weniger Vorgebildeteten von einem „normalen“ Pilz entsprechen (wie etwa Steinpilz, Pifferling oder Champignon, die „natürlich“ alle enthalten sind), sondern bringt auch „Außenseiter“ wie etwa den Echten Hausschwamm, Mutterkorn, das Falsche Weiße Stängelbecherchen, die Esca-Krankheit sowie nicht weniger als 3 verschiedene „Schimmelpilze“ – ein Begriff, der im Text auch durchaus erklärt und in seiner Bedeutung relativiert wird.

Man merkt dem Text an, dass sich der Autor neben den „banaleren Pilzen“ mit den sie betreffenden oft weniger komplizierten Fakten auch mit schwierigeren, komplexen Pilz-Themen beschäftigt hat. Gerade bei solchen, aber auch anderen Texten merkt man aber auch zumindest als Fachmann, dass das Wissen des Autors teilweise eher extra für das Buch angelesen wurde als in voller Breite fundiert reflektiert zu sein. Ein Beispiel ist das Mutterkorn (Claviceps purpurea), dessen „extrem komplizierter“ Lebenszyklus (etwas weiter unten im Text ist er dann „sehr komplex“) in der Tat nur recht oberflächlich und mit gewissen logischen Brüchen erklärt wird. So wird der Zyklus „kompliziert durch eine geschlechtliche und ungeschlechtliche Phase, in beiden kann sich die Art vermehren“. Nicht falsch – abgesehen davon, dass dies für eine große Zahl gerade von Schlauchpilzen gilt und davon, dass die Fruchtkörper, die nur kurz erwähnt und spärlich beschrieben werden, nicht mit der geschlechtlichen Phase in Verbindung gebracht werden. Denn weiter: „… den vollen Chromosomensatz (diploid) finden wir hingegen nur für kurze Zeit bei der geschlechtlichen Fortpflanzung. Auch Fruchtkörper kann der Pilz bilden“. Dass die Fruchtkörper eben (wie bei allen anderen Pilzen! – das ist ihre Definition) die Organe des Pilzes zur geschlechtlichen Fortpflanzung sind (in deren Verlauf bei den Pilzen – im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren – in der Tat nur sehr kurz die diploide Phase erreicht wird), muss sich der Leser selbst denken. Und: zwar können auch die Sklerotien neben dem dominierenden Schwarz auch (eher ausnahmsweise) blauviolette Tönungen aufweisen, der Name „Purpurfarbener Mutterkornpilz“ ist jedoch eine wörtliche Übersetzung des lateinischen Namens, der sich auf die Hauptfruchtform (den Fruchtkörper, s.o.), bezieht; er kommt durch deren gänzlich purpurfarbene Färbung zustande. Über die Mutterkorn-Fruchtkörper (von denen kein Bild im Büchlein zeugt) könnte man vielleicht durchaus erwähnen, dass sie Sammelfruchtkörper aus Kugelpilz-Fruchtkörpern sind und mit den ebenfalls sehr interessanten (ein Kapitel werten) Kernkeulen nahe verwandt. Aber in der Tat – das ist alles relativ komplex, was auch für die Entwicklungsgänge anderer Pilze gilt. Z.B. bei der Esca-Krankheit, die ich mir nicht zugemutet hätte, in einem solchen Buch darzustellen. Aber wenn man dies schon tut und einen lateinischen Namen, Fomitiporia mediterranea, auch im Titel beifügt, dann sollte man dem Leser auch eine Vorstellung vom Aussehen des Pilz-Fruchtkörpers eines solchen Feuerschwammes vermitteln und nicht nur ein (krankes) Bäumchen zeichnen. Überhaupt kann man sagen, dass mit zunehmender Schwierigkeit der Themen auch die Genauigkeit der Aussagen leidet und der Text stellenweise eher verwirrend wirkt. Lesen Sie dazu am Besten auf S. 103 das Kapitel über den Parasol, wo die neue Systematik der Riesenschirmlinge auf eine Weise angerissen wird, die ich nur mit dem Satz „alle Klarheiten beseitigt“ kommentieren möchte. Mehr als 15 Macrolepiota-Arten (Riesenschirmlinge) gibt es in Mitteleuropa allenfalls dann, wenn man die Gattung Chlorophyllum (Safran-Schirmlinge) mit einbezieht, wie dies früher geschehen ist. In einer gelungenen Passage werden nun die Unterschiede zwischen Riesen- und Safranschirmlingen heraus gearbeitet – wunderbar, würde man sagen. Dann allerdings folgt im nächsten Satz, dass manche Riesenschirmlinge wie der Gift-Safranschirmling giftig sind. Alt und neu wird nicht vernünftig geschieden, und ich würde mich wundern, wenn alle Leser dies richtig verstehen.

Wenn man sich das Kapitel über die Perigord-Trüffel (Tuber melanosporum) durchliest, dann findet man durchaus viel Richtiges, aber auch z.B. keine Differenzierung von Aussagen in Hinsicht auf verschiedene Trüffelarten. Dass Deutschland einmal Exportland für Trüffeln war, stimmt (wohl), aber sicherlich nicht in Bezug auf die Perigord-Trüffel, die in Deutschland auch in Zeiten des Klimawandels noch nicht eindeutig als Wildpilz nachgewiesen wurde, und in D zwar schon erfolgreich kultiviert wurde, allerdings nur mit Zuhilfenahme einer Art von Rasenheizung.

Dass der gefährliche Gifthäubling (Galerina marginata) dem Hallimasch sehr ähnlich sei, werden nicht viele Personen finden. Das wirklich ähnliche Stockschwämmchen (Kuehneromyces mutabilis) ist im Buch nicht enthalten – hier wäre der Vergleich passend gewesen. Ansonsten gilt in solchen Fällen: besser weglassen. Psilocybin-Pilze werden (nach dem Fliegenpilz als 2 Gruppe von psychotropen Pilzen) anhand des Spitzkegeligen Kahlkopf (Psilocybe semilanceata) dargestellt. Über die Bewertung des Psilocybin-Syndromes möchte ich hier nichts sagen. Liest man aber im Text, dass (wohl psychotrope …) Kahlköfe „rund um meine Heimatstadt sozusagen auf jedem Kuhfladen“ wachsen, fühlt man sich an den Comic „Freak Brothers“ von Gilbert Shelton erinnert. Die in Mitteleuropa wachsenden psychotropen Arten wachsen dagegen (vielleicht mit Ausnahme des Dunkelrandigen Düngerlings, jedenfalls keine psychotropen Kahlköpfe) nicht auf Mist – und anders herum gesagt sind die Pilzarten, die in Mitteleuropa auf Kuhfladen zu finden sind, mit der einen genannten (eher seltenen) Ausnahme nicht psychotrop (jedenfalls nach momentanem Stand der Erkenntnis). Es wäre also sehr interessant, herauszufinden, was für Pilze der Autor auf Kuhfladen gesehen hat …

Andere Textstellen sind etwas reißerisch geschrieben. Warum der Nematodenfang durch Austernseitlinge „an einen Horrorfilm“ erinnert, erschließt sich mir nur am Rande, und die Bemerkung über weitere Varianten des Nematodenfangs „heimtückisch sind sie alle“ befremdet mich höchstens. Wenn etwas an einen Horrorfilm erinnert oder gar heimtückisch ist, so ist es unsere (des Menschen) Ernährung – das Innere eines Schlachthofes (z.B.) und unser dazugehöriges Essverhalten passt zu diesen Attributionen viel besser als das Verhalten jeglicher Pilze.

Mit heimischen Täublingen (S. 216) kann ich mich auch ohne Kenntnis der Täublingsregel nicht tödlich vergiften – es gibt (derzeit – das muss man bei allen Aussagen über Giftigkeit dazu sagen …) keine heimischen gefährlich giftigen Täublinge. Dass jedoch jede magen-darm-reizende Art (darum geht es hier) „sofort brennend scharf“ schmeckt, ist ebenfalls falsch – bei manchen Arten, z.B. beim Zedernholz-Täubling muss man bis zu einer halben Minute warten, bis der dann sehr scharfe Geschmack auf der Zunge eintritt.

Ein weiteres Beispiel der Flockenstielige Hexenröhrling. Dass es „zahlreiche Arten von Hexenröhrlingen“ gibt, ist eine unglückliche Formulierung. Natürlich gibt es mehr als nur den Flocken- und den Netzstieligen, die die meisten etwas fortgeschritteneren Pilzfreunde kennen. Unter „zahlreich“ würde ich aber mindestens eine hohe zweistellige Zahl verstehen, nicht die wenig mehr als ein halbes Dutzend Formen (Arten?), die selbst bei sehr aufspalterischer Sichtweise für Mitteleuropa angegeben werden. Meiner Meinung nach ist der Flockenstielige Hexenröhrling auch keineswegs „überall zu finden“, sondern ein ausgesprochener Säurezeiger, der in reinen Kalkgebieten wenn überhaupt, dann nur äußerst selten auftritt. Ein anderes Beispiel – und man könnte solche kleinen Unstimmigkeiten überall auflisten – möchte ich noch die Darstellung der 3 „Schimmelpilze“, von denen zwei als Nebenfruchtformen zu den Schlauchpilzen gehören (Pinselschimmel Penicillium und Gießkannenschimmel Aspergillus), einer zu den Jochpilzen (Zygomycota). Nun – es ist vollkommen o.k., wenn dies nur am Rande erwähnt und nicht ausführlich erklärt wird; der Entwicklungsgang und die Morphologie (meist kugelige Sporangien, „Köpfchenschimmel“) der Jochpilze ist sicherlich kein absolutes Muss für Anfänger. Etwas weniger schön finde ich allerdings eher, dass die Zeichnung des Schwarzen Brotschimmels (Rhizopus stolonifer), der übrigens völlig zurecht so heißt („Schwarzer“), wunderschöne türkisgrüne Färbung zeigt (dargestellt auf einem Stück Brot), eben eine Färbung, die für Schimmelpilze aus den Zygomycota nicht typisch ist und somit in die Irre führt, dafür aber sehr gut passt auf das makroskopische Erscheinungsbild der später abgehandelten Vertreter von Penicillium und Aspergillus. Hier hätte die Zeichnung gut hingepasst – aber da findet man nur eine schematische Darstellung der mikroskopischen Struktur dieser mit dem Brotschimmel nicht verwandten Nebenfruchtformen von Schlauchpilzen.

Als Mykologe, dem der Erhalt der heimischen Biodiversität und Ökosysteme nicht nur in Bezug auf die Pilze wichtig ist, möchte ich einen Sachverhalt positiv heraus stellen: der Autor äußerst sich an mehreren Stellen im Buch deutlich über unsere „moderne“ Form der Landwirtschaft und ihre negativen Auswirkungen auch auf Waldpilze, verursacht durch Gifte und durch Überdüngung.

Nun – ich habe oben schon gesagt: ein unterhaltsames, informatives Büchlein, das ich mir auch gerne und relativ zügig durchgelesen habe. Ich denke mir, ich kann es empfehlen für jeden Laien, der sich mit Pilzen auf eine eher oberflächliche Art befassen möchte. Dieser kann viel lernen und profitieren. Fortgeschrittene oder auch interessierte Anfänger mit etwas gehobenem Anspruch auf die Korrektheit der Darstellungen sollten zumindest immer „mit offenen Augen“ lesen und immer wieder Details hinterfragen, sonst fressen sich Fehler im persönlichen Wissen fest.

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