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Pilz des Monats November 2026 – Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum)

Die heute hier vorgestellte Art gehört zu den am Meisten diskutierten und auch zu den umstrittenen Arten im Bereich der größeren Lamellenpilze. Bis vor Kurzem hatte ich eine eher skeptische Meinung zu dieser Art – wie manch anderer sah ich sie eher als Variante des Garten-Safranschirmlings (C. brunneum) an. Ein Fund in Portugal brachte die Gelegenheit, sich diese Art genau anzusehen und die Meinungsbildung voranzutreiben.

In der Literatur liest man so manches, und ich möchte nicht alles aufrollen, was man lesen kann. Im Wesentlichen möchte ich mich auf die Darstellung beziehen, die Christoph Hahn (ihm verdanken wir zumindest im deutschsprachigen Raum am Meisten in Bezug auf eine vertieftere Kenntnis der Riesenschirmlinge) in verschiedenen Vorträgen über die Jahre hinweg vorgestellt und modifiziert hat. Darauf möchte ich weiter unten eingehen.

Zur (potenziellen) Giftigkeit oder Verträglichkeit von Chlorophyllum-Arten möchte ich mich ebenfalls am Rande äußern. Vielleicht zunächst: in unserer Jugend haben wir Safranschirmlinge immer gerne gegessen. Damals war das auch immer der „normale“ Safranschirmling, der damals Macrolepiota rhacodes hieß – heute wird er Chlorophyllum olivieri benannt. Nur gelegentlich sahen wir aus Gewächshäusern oder aus gedüngten Gärten stammende Riesen-Formen mit kontrastierenden Hutschuppen und kräftigen Stielbasis-Knollen, die damals als M. rhacodes var. hortensis, später als M. bohemica benannt wurden – das war vermutlich meist die Art, die man heute C. brunneum nennt. Oder auch nicht immer – schließlich gab es noch keine Anweisung, auf die genaue Ausbildung des Ringes zu schauen. Laufrille oder auch nicht, das war kein Thema damals, und so kann es gut sein, dass unsere „hortensis“ eher ein Gemisch aus brunneum und der heutigen C. rhacodes war. Letztere Art ist ebenfalls ein breit geschuppter Pilz an gedüngten Standorten und gilt als heute noch essbar für die meisten Konsumenten (abgesehen von bei jedem Pilz möglichen Unverträglichkeits-Reaktionen oder ungenügender Zubereitung, sogenannten falschen Pilz-Vergiftungen). Seit Christoph Hahn setzte sich in etwa folgende Sicht bezüglich des Speisewertes und der Art-Abgrenzung durch: C. olivieri ist essbar, also der wenig kontrastierend geschuppte, eher schmächtige und nicht so beeindruckend beknollte Safranschirmling an „normalen“ Waldstandorten. C. olivieri hat (wie ein Parasol) einen doppelten Ring „mit Laufrille“, und den hat auch C. rhacodes im modernen Sinne, und auch diese kräftige Art mit kontrastierenden Hutschuppen soll essbar (für die Meisten) sein. Gehäufte Vergiftungsfälle sind demgegenüber (neben der außen vor gelassenen (sub)-tropischen und bei uns noch nicht aufgetauchten grün-sporigen C. molybdites – stark magen-darm-giftig und mit Ring mit Laufrille) bei uns durch die Arten ohne Laufrille zu erwarten, also durch C. brunneum und C. venenatum. Letztere beiden Arten seien nun außer durch die Stielknolle (die bei venenatum stets, bei brunneum manchmal gerandet knollig ist) vor allem mikroskopisch zu unterscheiden: C. venenatum ohne Schnallen und C. brunneum mit („relativ leicht an der Basidien-Basis auffindbar“) sowie C. venenatum mit den kürzeren und schmäleren Cheilo-Zystiden im Vergleich. Demzufolge ist meine Aufsammlung aus Portugal klar venenatum, auch wenn sie einen großenteils zwar einfachen (nicht auseinander tretende Schichten), stellenweise aber doch ein wenig aufspaltenden und eine nicht vollständige Laufrille ausbildenden Ring besitzt (vgl. Folie 3 Bilder Mitte und unten rechts). Wie ich mündlich erfuhr, hat auch C. Hahn bezüglich dieses Merkmal neuerdings etwas zurück gerudert und gesteht C. venenatum manchmal eine Laufrille zu. Ganz einfach wird es also auch weiterhin nicht mit der Bestimmung der Chlorophyllum-Arten und ihrem kulinarischen Genuss.

Chlorophyllum venenatum 1 Portugal Algarve Dunen Kiefer Pinus Gift Riesenschirmling Ring Laufrille Krieglsteiner PSV Ausbildung Giftpilze
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - beachten Sie die relativ hellen Fruchtkörper mit stark kontrastierenden Hutschuppen zum nahezu rein weißen Untergrund, ferner das kräftige Röten auf Kratzen.
Chlorophyllum venenatum 2 brunneum molybdites rhacodes Gift Riesenschirmling Portugal Algarve Knolle gerandet Feldmykologe Pilzschule
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - Beachten Sie die deutlich und scharf gerandete Knolle sowie die freien Lamellen ohne wirkliches Kollar.
Chlorophyllum venenatum 3 Portugal Algarve Gift Riesenschirmling Pilzschule Schwabischer Wald Krieglsteiner Pilzexpertin Katharina Laufrille
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - Beachten Sie den großenteils einfachen Ring, der allerdings stellenweise noch in 2 Schichten und eine stellenweise angedeutete Laufrille aufspaltet (u.r., u.M.r.)
Chlorophyllum venenatum 4 Gift Riesenschirmling Sporen abgestutzt truncat Keimporus Kallus Kongorot Mikroskopierkurs Krieglsteiner Pilzschule
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - Beachten Sie die Sporen mit abgestutztem Keimporus ohne Kallus (Merkmal von Chlorophyllum gegen Macrolepiota). Sporenfotos in Kongorot-NH3 bis auf unten rechts (in KOH).
Chlorophyllum venenatum 5 Cheilozysitden ohne Schnallen Gift Riesenschirmling Portugal Algarve Krieglsteiner Pilzschule Mikroskopierkurs
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - Beachten Sie das Fehlen von Schnallen an den blasenförmigen, relativ kleinen Cheilozystiden.
Chlorophyllum venenatum 6 Macrolepiota Parasol Schnallen Hyphen Christoph Hahn Laufrille essbar giftig PSV Feldmykologe Krieglsteiner
Gift-Riesenschirmling (Chlorophyllum venenatum) am 08.04.2026 bei Vilamoura (Portugal, Algarve), Vale Carro, Praia da Falesia, 9 m NN, GPS: N37°5'12.73" W8°9'37.51", in der Streu Streu unter Pinus pinaster in befestigter Düne in direkter Meernähe, im Sand, ca. 10 Fruchtkörper, leg., det. Katharina & Lothar Krieglsteiner, Fotos Lothar Krieglsteiner - Beachten Sie das Fehlen von Schnallen an anderen Hyphen im Pilzgeflecht (Trama, Subhymenium).

 

Doch zurück zur Aufsammlung aus Portugal. Es ist meine (unsere) erste für mich eindeutig als C. venenatum zu bestimmende. Sie hat im Vergleich zu C. brunneum insgesamt relativ blasse Farben, vor allem was die Ring-Unterseite betrifft. Die Knolle ist überaus scharf gerandet knollig, so wie es für C. brunneum (unserer Erfahrung nach abgerundete bis nicht sehr scharf gerandete Knolle) zumindest untypisch wäre. Dazu kommt die vergebliche Suche nach Schnallen bzw. das leichte Auffinden zahlreicher unbeschnallter Septen an „normalen Hyphen“ (aus Subhymenium und Trama, Folie 4), Basidien- und Zystiden-Basen (Folie 5) sowie die Kürze der zahlreichen blasigen Cheilozystiden. Der Ring ist im Großen und Ganzen einfach ausgebildet, neigt aber an manchen Stellen dazu, ein wenig nach Art eines doppelten Ringes mit Laufrille „aufzugehen“. Insofern ist die Regel der Essbarkeit weiß-sporiger Chlorophyllum-Arten mit Laufrille zumindest beschädigt. Und C. venenatum könnte durchaus eine „gute Art“ sein. Ich bin allerdings überfragt, ob aktuelle und verlässliche molekulare Untersuchungen hierzu vorliegen.

Der Fund zeigt einmal mehr: unsere Fahrten nach Portugal in der Wintersaison sind meist sehr lohnend auch für unsere Expertise der heimischen Pilzflora. Auch oder manchmal besonders, wenn wegen Trockenheit nur wenig Pilze wachsen. Der Fund von C. venenatum gelang unter einer Kiefer in einer ansonsten fast vollständig ausgetrockneten und vordergründig pilzleeren Dünen-Landschaft. Dann hat man umso mehr Zeit und Muße, solche Aufsammlungen einmal mehr als nur „quick and dirty“ anzusehen.

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