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Pilz des Monats Oktober 2026 – Blasser Wurzel-Glöckling (Entoloma pallidoradicatum)

Rötlinge gehören seit längerem zu den Pilz-Gattungen, für die ich ein gewisses Faible habe, aber auch zu denen, aus der oft Aufsammlungen zumindest „auf die Schnelle“ nicht zu Ende bestimmt werden können. Deshalb bleiben schwierige Aufsammlungen oft länger liegen und die Motivation zur Mitnahme von Proben ist nicht immer groß, schon gar nicht, wenn sie Beifang-Funde im Rahmen von pilzkundlichen Seminaren sind. Der heute gezeigte Rötling fiel mir im Gelände durch seinen hochhackigen Wuchs in Kombination mit den hygrophanen, bereift wirkenden Hüten und seinen Mehlgeruch auf und so machte ich kurzerhand ein paar schnelle Standort-Fotos und packte die Fruchtkörper am Abend des Seminartages noch auf den Dörrex.

Da sich bei mir über die Jahrzehnte mittlerweile etliche Hundert unbestimmte oder nicht fertig bestimmte Belege angesammelt haben, ist es immer ein wenig Glücksache, wie lange es dauert, bis ich mir eine solche Aufsammlung dann mikroskopisch genauer ansehe. Im letzten Winter nahm ich mir vor allem deshalb die Gattung Entoloma mit einigen Proben vor, weil mir Felix Hampe den Kontakt zu Kai Reschke ermöglichte. Dieser ist der neu aufgegangene Stern am deutschen Rötlings-Himmel und hat an der Universität Frankfurt  über Rötlinge der Untergattung Nolanea promoviert – den Glöcklingen, zu der auch mein Fund unzweifelhaft gehört.

Unter dem Mikroskop fiel mir beim Festhalten der Merkmale zunächst auf, dass die Aufsammlung offenbar schnallenfrei war – weder an Basidien-Basen noch in der Huthaut konnte ich Schnallen finden, stattdessen zahlreiche unbeschnallte Septen nachweisen. Cheilozystiden konnte ich keine finden und notierte eine fertile Lamellenschneide. Dazu eine Cutis mit schwachem wandständigem und intrazellulärem Pigment und relativ große heterodiametrische Sporen von ca. 10-12(13)/7-8(9) µm Größe. Mit den gängigen Schlüsseln versandete ich im Nirgendwo (es gibt innerhalb von Nolanea sonst nur noch in Sektion Fernandae Arten ohne Schnallen, zu der mein Fund sonst nicht passt), und so beschloss ich, meine Doku zusammen mit anderen interessanten Rötlingen Kai Reschke digital zu senden. Kai hatte dann die Idee, es könnte sich um Entoloma pallideradicatum handeln, eine 1999 aus Österreichen beschriebene und offenbar seither nicht mehr wieder gefundene Art. Als ich dann die Typus-Beschreibung aufschlug, war ich durchaus skeptisch, denn das Farbfoto zeigt einen fast weißen, blass grauen und relativ kurz-stieligen Pilz mit Pseudorhiza – mikroskopisch werden Cheilozystiden in Büscheln auf einer heterogenen Lamellenschneide festgehalten, die allerdings auf der Zeichnung sehr wie unreife Basidien aussehen. Die Pseudorhiza war bei meinen Funden nicht so auffällig und ich hatte sie beim Fund möglicherweise auch übersehen oder gar im Boden belassen. Nun ja – Kai hatte die Möglichkeit einer Sequenzierung des Fundes und was soll ich sagen: seine Vermutung traf zu, es handelt sich um E. pallideradicatum – offenbar der zweite Nachweis der Art, der erste nach der Typus-Beschreibung. Die Art scheint makroskopisch also – kein Wunder eigentlich – variabler zu sein, als es die Erstbeschreibung darstellt.

Entoloma pallideradicatum Sulzbach Irsbach 24.18.09
Blasser Wurzel-Glöckling (Entoloma pallidoradicatum) am 14.09.2024 im "Irsbachtal" nö. von Sulzbach-Kocher (Baden-Württemberg, Hohenlohe-Kreis, Schwäbisch-Fränkischer Wald, nördliches Seitental des Kocher, MTB 7025/1, 409 m NN, GPS: N48° 58' 46,11'' E9° 51' 12,17'' - Meereshöhe und GPS-Daten händisch ermittelt, da Fotos ohne GPS-Daten), in der Laubstreu von Buche in Buchen-Mischwald in kleiner Schlucht in Bachnähe über kalkhaltigem Keuper-Boden ("Bunte Mergel"), leg., und Fotos Lothar Krieglsteiner (anlässlich von pilzkundlichem Seminar), det. Kai Reschke, conf. Kai Reschke via DNA-Sequenzierung. - Beachten Sie den hochhackigen, stark hygrophanen Rötling mit blass bräunlichem, radial gestreiftem Hut sowie langem, weißem Stiel mit Pseudorhiza-Ansatz. Dazu Mehlgeruch. Das kannte ich so noch nicht.
z Entoloma pallideradicatum Sulzbach Irsbach 24.18.09 Folie 2
Blasser Wurzel-Glöckling (Entoloma pallidoradicatum) am 14.09.2024 im "Irsbachtal" nö. von Sulzbach-Kocher (Baden-Württemberg, Hohenlohe-Kreis, Schwäbisch-Fränkischer Wald, nördliches Seitental des Kocher, MTB 7025/1, 409 m NN, GPS: N48° 58' 46,11'' E9° 51' 12,17'' - Meereshöhe und GPS-Daten händisch ermittelt, da Fotos ohne GPS-Daten), in der Laubstreu von Buche in Buchen-Mischwald in kleiner Schlucht in Bachnähe über kalkhaltigem Keuper-Boden ("Bunte Mergel"), leg., und Fotos Lothar Krieglsteiner (anlässlich von pilzkundlichem Seminar), det. Kai Reschke, conf. Kai Reschke via DNA-Sequenzierung - die heterodiametrischen, ausgeprägt eckigen Sporen sind rötlings-typisch und passen in etwa zur Erstbeschreibung.
z Entoloma pallideradicatum Sulzbach Irsbach 24.18.09 Folie 3
Blasser Wurzel-Glöckling (Entoloma pallidoradicatum) am 14.09.2024 im "Irsbachtal" nö. von Sulzbach-Kocher (Baden-Württemberg, Hohenlohe-Kreis, Schwäbisch-Fränkischer Wald, nördliches Seitental des Kocher, MTB 7025/1, 409 m NN, GPS: N48° 58' 46,11'' E9° 51' 12,17'' - Meereshöhe und GPS-Daten händisch ermittelt, da Fotos ohne GPS-Daten), in der Laubstreu von Buche in Buchen-Mischwald in kleiner Schlucht in Bachnähe über kalkhaltigem Keuper-Boden ("Bunte Mergel"), leg., und Fotos Lothar Krieglsteiner (anlässlich von pilzkundlichem Seminar), det. Kai Reschke, conf. Kai Reschke via DNA-Sequenzierung  die Hyphen und Basidien ohne Schnallen sind für eine Nolanea ungewöhnlich, dieses Merkmal findet sich dort nur bei Entoloma fernandae und seinen sehr seltenen Parallel-Arten, die dem vorgestellten Pilz kaum ähneln.

 

Vielleicht fällt Ihnen auf, dass die Art als E. pallideradicatum beschrieben wurde – und so wird sie auch im Index of Fungi und auf Mycobank geführt. Die Namengebung mit e erscheint auch durchaus logisch – in einem lateinischen Text könnte man schreiben: „pallide radicatum est“, also „es ist blass bewurzelt“ oder „mit einer blassen Wurzel versehen“, wobei pallide das Adverb ist zu pallidus, pallida, pallidum (blass in den Geschlechtern m, f, n). Zieht man aber beide Worte zu einem Adjektiv zusammen, muss man meiner Meinung nach zwei Adjektive nehmen, die korrekte Schreibweise (die übernommen werden muss) lautet dann Entoloma pallidoradicatum (s.o. in der Titelzeile). O oder E, werden Sie sagen: das ist doch egal, aber Mykologen und vor allem Taxonomen sind eben Erbsenzähler, besonders wenn sie wie ich großes Latinum haben 😊

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